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Auszüge von Buch von de Horst Fusshöller :Erinnern ohne Groll

Zweiter Weltkrieg und Gefangenschaft
Rennes

Horst Fusshöller PGA à Rennes


 

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Camp 1102 de Rennes


Da das Lager Stenay aber nur ein Durchgangslager war, wurde bereits am Samstag, den 24. März ein Güterzug zum Weitertransport der Gefangenen zusammengestellt. Die Waggons waren ungeschützt, also oben offen. In einem solch unbequemen Gefàhrt ging es quer durch Frankreich, bis wir am Montag, den 26. in einem riesigen Lager landeten.

Horst Fusshöller  ...als Soldat

Horst Fusshöller ... Kriegsgefangener

Der Zug fuhr durch weitgeöffnete Tore in ein Gelände, und wir hatten bald heraus, es daß Gefangenenlager CCPWE Rennes 12 war. Hier wurde ich also als .egsgefangener registriert und zwar unter der Nr. 3 1 G-63o8l8 (106). Zu meiner großen Überraschung traf ich im Eingangslager auch einen Bopparder. Es war Herberth Hegesweiler. Er gehörte zu der Lagerpolizei im Cage 1 (107), welches nach seinem amerikanischen Lagerchef das Sommerfeld-Lager genannt wurde. Sommerfeld, ein emigrierter deutscher Jude, soll vor der Naziverfolgung in Frankfurt/Main Schuhgeschäfte besessen haben, nicht zu verwechseln mit dem US-Lagerchef Sonnenfeld von Cage 13, der wegen seiner Härte den Gefangenen gegenüber gefturchtet wurde.

In Cage 1 war also die Registrierung neu ankommender Gefangener, und im Laufe dieser seiner Tätigkeit traf et auch den von den berüchtigten Rheinwiesen bei Remagen (108) überstellten Bopparder Josef Volk, der so schwach war, daß et von seinen Kameraden in der ersten Zeit gefüttert werden mußte. Ich selbst habe Jupp dort einmal getroffen und war erschüttert über sein Aussehen. Es erinnerte mich an die Bilder ausgemergelter Menschen in den KZs, wie wir sie später noch in einern Film im südfranzäsischen Gefangenenlager ",Polo bei Bayonne gezeigt bekommen sollten.

Das gesamte Lager Rennes in der Bretagne bestand aus etwa 16 Cages, und alle zusammen hatten ein Fassungsvermögen von insgesamt etwa 50.000 Mann (laut

Aussage von Hegesweiler soll die Maximalbelegung des Lagers sogar mal 68.000 Mann betragen haben). In dieser Zahl waren aber auch etwa 12.000 Landser aus Österreich enthalten, allerdings von uns "Deutschen" streng getrennt. Unsere ehemaligen Kameraden aus dem sfidlichen Nachbarland wollten aber mit uns nichts mehr zu tun haben. Die schwarz-weiß-roten Kokarden hatten sie an ihren Mützen entfernt und diese durch rot-weiß-rote Bändchen ersetzt.

Ich landete in einem Cage, Lager, das die Bezeichnung "Kaiser" trug. Sicherlich hatte es den Namen nach seinem US-Lagerchef erhalten, so wie es auch die Lager ,"Sommerfeld" "oder""Sonnenfeld" gab. Die offizielle Bezeichnung des Kaiser-Lagers war allerdings ,"Cage 7". Die Gefangenen lagen in Baracken oder auch in Zelten. Es war aber so eng, daß man beim Schlafen auch hier wieder teilweise auf einem Nachbarn liegen mußte.

Die von uns allen so sehnlichst erwartete und auch benötigte Verpflegung fiel aus. Der Hunger wurde immer schlimmer. Bei den allmorgendlichen Zählappellen war es keine Seltenheit, daß entweder die Zahlen nicht stimmten, da in der Nacht wieder Kameraden verhungert waren, wie es auch vorkam, daß wegen Entkräftung ein Kamerad im Glied zusammenbrach.

Das Abzählen wurde von amerikanischen Soldaten durchgefiihrt. Ich erinnere mich, daß diese Amerikaner auf ihrer Uniformjacke, auf dem linken Oberarm eine aufgenähte Tuchplakette trugen. Diese Plakette zeigte ein "Flammendes Schwert". Solches Zeichen trugen nur Angehörige des alliierten Oberkommandos, abgekürzt SHAEFE

Die mehr als karge Verpflegung bestand in der Regel aus einer wässerigen Suppe, in welcher Kohlblätter oder zur Abwechslung auch schon mai paar Möhren schwammen. Dafür standen dann zig Leute in langer Kette an, um aus einer Art Waschkessel einen Schöpfer voll zu erhalten. Es gab aber auch ein Problem. Viele von uns hatten keine Kochgeschirre oder ein anderes Behältnis, um sich die Suppe hineingeben zu lassen. In îhrer Not liegen sich die Landser dann die Suppe in die umgedrehte Mütze schöpfen. Aus dieser wurde sie geschlürft, um anschliegend aus dem Tuch die letzten Tropfen sich in den Mund auszupressen. Ich batte natürlich auch kein Eggeschirr

mehr, und so mugte ich mir etwas einfallen lassen.

Das Lager Rennes, in sandigem Gelände errichtet, war von vielen Gehwegen durchschnitten, und diese hatte man befestigt, indem man leere Konservendosen wie Pflastersteine nebeneinander in den sandigen Untergrund gepflastert hatte. Es galt nun nur-noch eine Dose zu finden, die nicht im Boden gelocht war. Man hatte die Dosen am Boden gelocht, um bei Regen das sich Ansammeln von Wasser in den Dellen zu vermeiden. Doch Not macht ja erfinderisch, und so kam ich auf den Gedanken, in der Latrine, unter den Donnerbalken nachzusehen.

Diese waren über wenige Treppenstufen auf einem erhöhten und überdachten Gerüst.Unter den Sitzbalken standen dann ein Dutzend Sch …hauskübel auf dem mit Blechdosen gepflastertem Sandboden. Und hier hatte ich das Glück, unter einem der Kübel eine Dose zu finden, die nicht gelocht war. Mit Sand, ja im Überflu ß vorhanden, scheuerte ich dann meine Blechdose auf Hochglanz und wusch diese dann mit Wasser aus. Den mir nun noch fehlenden Löffel ersetzte ich kurzer Hand durch einen zurechtgebogenen Dosendeckel. Nun fehlte mir also nur noch ein Messer, und so begab ich mich auf die Suche.

Zwischen unserem Cage 7 und Cage 8 lag eine alte Elsenbahnschiene, und dort fand ich auch einen verrosteten, schweren Eisenbolzen. Es dauerte nicht lange, und ich hatte auch einen langen Nagel gefunden, den ich mit dem Bolzen, als Hammerersatz, auf der Schiene solange behämmerte, bis ich ein Schneidwerkzeug geschaffen hatte. Dies war allerdings mehr ein Minikrummschwert geworden, und so begann ich, durch Fehler und Praxis erfahrener geworden, noch einmal mit meiner Schmiede kunst. Bei meinem 2. Versuch gelang mir die Herstellung eines Messers besser. Wieder kalt gehämmert entstand also doch noch ein messerähnliches Gerät, dem ich mit 2 handgeschnitzten Holzschalen einen richtigen Griff zufügen konnte. Endlich besaß ich also Eßwerkzeuge, obwohl es ja noch keine Einsatzmäglichkeit hierfür gab. Die Verpflegung sah nämlich wie folgt aus: Morgens starken Bohnenkaffee, mittags eine extrem dünne Suppe, und abends gelegentlich mal etwas Brot. Der Hunger in dem gesamten Lager wurde so unerträglich, daß bald das letzte Gras und Unkraut aus dem Boden gezupft und verzehrt worden war.

Viele Landser, die übrigens ab März aus der zusammenbrechenden Hei demoralisiert, verdreckt und nur noch in Fetzen gekleidet nach Rennes kamen, fan bei den Gefangenen der ersten Stunde weder Verständnis noch Nachsicht, wenn ihren Uniformen bereits die Hoheitszeichen abgerissen worden waren. Es gab noch einige wenige, welche "grogdeutsches" Gedankengut noch nicht abgelegt hatt Unsere Gefangenen Kameraden von 1944 wußten nicht, wie es Zuhause in Zwischenzeit aussah.

Um zu überleben, entwickelten sich lm Lager immer mehr Tauschgeschäfte. Ein goldener Ehering erbrachte 3 Zigaretten. Mit den Zigaretten konnte man bei vereinzelten Lagerpolizisten und insbesondere von den Lagerköchen (auch sie Waren gefangene Kameraden!) Kartoffeln oder eine Scheibe Brot eintauschen. Wer nichts zum Tauschen hatte, war schlecht dran. Man dämmerte vor sich hin, lag vor den Baracken oder Spitzzelten und versuchte durch geringstmögliche Bewegung seine Lebenskräfte zu schonen. Bel den morgendlichen Zählappellen fehlten jeden Tag Kameraden. Sie waren seit dem letzten Appell verhungert mit sichtbaren Hungerödemen, doch es soll nicht verschwiegen werden, daS sich Kameraden in ihrer Verzweiflung und auch in unerträglichem. Hunger der Stacheldraht- Einfriedung des Lagers gewollt oder ungewollt sosehr genähert hatten oder gar über den Zaun zu klettern versuchten, daß sie von dem nächsten Wachturm aus gezielt beschossen wurden.

Wir sprachen dann vom "Stacheldraht-Koller". Kein Wunder, wenn Kameraden lurchdrehten, wenn die tägliche Kartoffelschalensuppe durch nächtliche lagenschmerzen und peinigende Verstopfung sie zu verzweifelndem Tun trieb. Das ,Besänftigen durch einige Sanïtätsoffiziere, dag gerade unter der Schale die besten ,Nährstoffe lägen, konnte kein Trost sein.

Zun Lager selbst. Es war von der Augenwelt durch einen 4 Meter hohen Doppelzaun ,abgeriegelt. Zwischen den Stacheldrahtwänden ein 5 Meter breiter Raum, gefüllt mit dicht und übereinander liegenden Stacheldrahtrollen. An den Augenseiten standen hölzerne Wachttürme, welche mit französischen Soldaten besetzt waren, während die großen Lagertore mit US-Soldaten abgesichert waren.

Übrigens war es keine Seltenheit, wenn die französischen Wachen auf ihrem Weg von und zu den Wachtürmen mit Maschinenpistolen und Gewehren in die Umzäunung ballerten. Ganz schlimm wurde dies gar nach dem 8. Mai, und an Sonntagabenden, wenn viele Gefangene Kameraden zum Gottesdienstzelt gingen (es waren evangelische Pfarrer, die bereits früh im Lager Rennes begonnen hatten, in einem eigens eingerichteten Zelt Gottesdienste abzuhalten. Die Evangelien wurden in kleinen Einfachdrucken verteilt). Vor Querschlägern konnte man sich natürlich auch nicht schützen. Die Spitzzelte oder Zeltbaracken (mit Zeltstoff überspannte Holzrahmen) boten ja keinen Schutz gegen Kugeln. Hin und wieder hörte man auch an einem Aufschrei, wenn es jemanden getroffen hatte. Auch auf den Holzpritschen zu liegen, die ja immer noch besser zur Nachtruhe dienten als der blanke Boden, bedeutete nicht, besser gegen Querschläger geschützt zu sein.

Ein Zelt war übrigens als Waschraum eingerichtet, aber laut Lagerordnung nur von 7 bis 8 Uhr morgens für ein wenig Körperpflege benutzbar. Obrigens wurden alle diese Einrichtungen bereits von Gefangenen, die nach dem militärischen Zusammenbruch des Atlantikwalls hier nach Rennes gekommen waren, erstellt.

Es war Karfreitag der 30. März, ich war noch in einer Baracke untergebracht, als ein Freiwilliger für leichte Arbeit gesucht wurde. Ich meldete mich, und der deutsche Barackenälteste sage, ich sollte die blechgepflasterten Wege kehren. Sofort sagte ich zu, nur uni aus dern Vorsichhindämmern einmal herauszukommen. Als ich gegen 16 Uhr nach getaner Arbeit zurück in meine Baracke kam, wurde ich vom Barackenältesten aufgefordert, mich beim deutschen Lagerchef zu melden. Zwar etwas unwillig, aber neugierig geworden, was dies bedeuten könne, tat ich es umgehend.

Beim Eintreten dort wurde mir prompt die Frage gestellt "Arbeiten Sie gerne" was ich ebenso prompt mit,"ja" beantwortete. Der Lagerchef sah mich etwas zweifelnd und sehr prüfend an, maß mich mit seinen Augen kritisch von Kopf bis Fuß . Bei mir nicht einmal einen Minibizeps erfühlen zu können, ließ ihn noch nachdenklicher Ireinschauen. Irgendwie muRte ihm aber der kleine, schmächtige Soldat leid getan haben, und et gebot mir, erst einmal auf einer Bank im Raum Platz zu nehmen.

Andere Kameraden kamen, gingen befragt wie ich, ent-weder abgelehnt zufrieden schauend wieder weg oder reihten sich auf einer anderen Bank au£ Nachdern keiner mehr außer mir "offenstand", kam der deutsche Lagerchef mit einem amerikanischen Sergeant zurück zu mir und erklärte eindeutig, da daß ich ja fùr richtige Arbeit wohl zu schwach sei. Glücklicherweise interessierte ihn aber noch, ob ich denn Englisch sprechen könne. Als ich erklärte, daß ich 6 jahre auf dern Gymnasium Englisch gelernt häte, nahm et dies mit Genugtuung zut Kenntnis. Nun gut, dann sind Sie also ab Sonntag , den 1. April (es war Ostersonntag), hiermit eingestellt für das "Verpflegungskommando". Meine Aufgabe sollte sein, bel Bedarf in diesem Kommando den Dolmetscher zu machen.

Was dies für mich bedeutete war soviel wie das große Los gezogen zu haben, und nun hatte ich berechtigte Hoffhung, in wenigen Tagen nicht mehr hungern zu massen. Hierzu ist es wohl wichtig zu erwähnen, daß im Lager Rennes mit seinen Cages 1 bis 16, täglich Leute verhungerten. Nach Aussagen von H. Hegesweiler, der, wie gesagt ja in der Registrierung in Cage 1 tätig war, soll die Höchstzahl von Toten an einem Tag gar 57 gewesen sein. Glücklicherweise hatte ich diese furchtbare Zeit nur wenige Tage miterlebt, und ich erinnere mich noch, fùr ein wenig mehr an Essen, auch einmal dem sogenannten Scheighauskommando angehört zu haben. Wenn auch durch Mangel an Masse die Kübel nicht täglich entleert werden mugten, es ging wie folgt: je 2 Mann schleppten einen Kübel zu elner Stelle, die ein Bach mit stehendem Wasser, aber auch ein Teich gewesen sein maß. Ausgekippt, hatte sich hier eine stinkende, in allen Farben schillernde, breiige Masse breitgemacht. Wie gesagt, es kam mir wie ein großer Teich vor, an dern sich dicke Fliegen wohlfühlten, aber sonst kein anderes Getier.

Noch bevor ich meine neue Stelle antrat, wurde ich aus der Baracke in ein Spitzzelt verlegt, in welchem nur Kameraden des Verpflegungskommandos untergebracht waren. Auch erhielt jeder von uns eine Art Passierschein (siehe Anhang 3-N) mit dem Stempel "Ltn. Kaiser 1-6, 8-16". Mit solcher Erlaubnis ausgestattet, trat ich dann am Ostersonntag erstmals meine neue Arbeitsstelle an, vorbei an zwei bewaffneten amerikanischen Posten, in einem Areal, das zentral zu allen Cages lag,

mit eigenem Gleisanschlug, großer Lagerhalle, Erdbnker zut Lagerhaltung von Kartoffeln etc. und fiberdachten Abstellflächen.

Unsere Tagesarbeit gestaltete sich wie folgt: Die deutschen Lagerleiter der einzelnen Cages meldeten an die Verpflegungs-Zentralausgabe die tägliche Belegstärke. Valentin Woodbine, Sergeant der US-Armee, besa besaß in Amerika ein Lebensmittelgeschäft (Skippies Delikatessen). Seine Aufgabe war, in seinem Büro die auszugebenden Waren zu berechnen. Unser Verpflegungskommando bestand aus 15 Mann, und wir waren ihm als Arbeiter unterstellt.

Als deutscher Vorgesetzter und Mittelsmann zum US-Vorgesetzten fungierte Stabsfeldwebel Georg Haas aus Hof in Franken. Was fùr ein Schwein dieser Typ war, sollte ich noch merken.

Nach den Laufzetteln der einzelnen Cages wurden dann die Waren auf den überdachten Abstellflächen nach Lagernummern zusammengestellt. Alles, was Konserven oder wichtig unter Verschlug zu Haltendes betraf, lagerte in großen BIöcken aus hunderten von Kisten aufeinander gestapelt in der Lagerhalle, augerdem dort auch Frischfleisch. Wir hatten bereits am 1. Tage raus, was fiir uns die wichtigsten Lebensmittel zum "Selbsteinverleiben" waren.

In erster Lime waren es die Stapel der US-Feldverpflegungen, die sogenannten C-und K-rations. Der Mundraub wickelte sich also folgendermagen ab: In einem gfinstigen, unbeobachteten Moment bauten 3-4 Mann eine Pyramide, und einer kletterte dann über Schultern und Köpfe auf den meterhohen Kistenstapel. Dann wurden die innen liegenden Kisten rundum nach augen gestapelt, bis man innen so tief war, daß man von augen nîcht mehr gesehen werden konnte. In aller Ruhe wurde dann eine Kiste geöffnet und wir aeen uns dann immer abwechselnd an dem Inhalt der '"Rations- Dosen" satt, bis nichts mehr ging. Der Inhalt der Dosen bestand aus Kraftnahrung, teilweise auch getrocknet, aber es gab auch manchmal Dosen mit 3 Zigaretten darin, Cereals mit Traubenzucker zu Scheiben gepre9t, das gleiche gar mit "hash", was einer dehydrierten Frikadelle ähnlich war. Es gab Café- und Milchpulver und gelegentlich auch Drops-Rollen.

Aus den Güterwaggons, das Verpflegungsareal hatte eigenen Gleisanschlug, wurde frisches Weßgbrot in große Papiertäten abgezählt, und aus dem Erdbunker wurden die Kartoffelsäcke und sonstige Gemüsekisten angeschleppt. Nach geraumer Zeit, wir hatten uns die Kontrollgewohnheiten der Posten gemerkt, und diese selbst kannten uns auch in der Zwischenzeit als zu den "Rationern" gehörend, wagten wir auch schon einmal Eßbares und auch Nichteßbares in unser Cage 7 einzuschleppen. Dies reichte von der rohen Kartoffel, Rolle Drops, rohem, ungerösteten Kaffee bis zu der vollen Hosentasche mit Parisern (Präservativen). Irgendwie waren wir in der Lagerhalle auf einen ganzen Karton davon gestoßen, eine Ware, die aber für unsere US-Bewacher exklusiv dort lagerte. Zweckentfremdet wurden diese in unserem Zelt zu einer besonderen Erheiterung vorbereitet. Wir füllten sie mit Wasser, banden sie zu und liegen dann eine solche Wasserbombe, über das Zelt geworfen, einem davor sitzendem Kameraden auf dem Kopf zerplatzen, was aber in der sommerlichen Bretagne oft gar eine willkommene Abkühlung war und ohne großen Protest, ja sogar mit Lachen hingenommen wurde.

Mit dem Rohkaffée hatte es folgende Bewandtnis: Als unser Kommando einmal mehrere Waggons entladen mußte, war darunter einer, der fußhoch mit Rohkaffee beladen war. In unserem Spitzzelt hatten wir uns in der Mitte aus leeren Konservendosen einen Miniofen mit Schornstein gebaut. Auf diesem Ofen rësteten wir nicht nur den Kaffee, sondern er diente auch dazu, nach Einbruch der Dunkelheit das ,"Mitgegangene" zu bereiten, wozu nicht nur Kartoffeln, sondern vor allem die Trockenwaren mit Wasser aufgekocht werden mußten.

Dieser glückliche Umstand für ein unendlich kleines Grüppchen von Gefangenen hatte auch fùr manch anderen im Lager den Vorteil, daS wir oft unsere darftige Lagerverpflegung weiter geben konnten. Ich erinnere mich noch daran, daß ich um die 6 Kameraden hin und wieder mitversorgen konnte. Dies waren Duven, der letzte Kriegs-Bürgermeister von Boppard, Schwan (Kohlenhandel auf dem Säuerling), Hannes von Brodenbach (Coca-Cola-Hannes), Stenzhorn (Altwarenhandel in der Niedersburg, Heinrich Kirch (Baugeschäft auf der Simmerner Straße in Boppard) und mein Kamerad Willi Weighaupt vom Hunsrück, mit dem ich nicht nur im

ROB-Lehrgang, sondern auch in der Kampfbatterie zusammen war.

Wir waren mit Sicherheit das meist beneidete Zelt von allen 16 Cages, außer den Küchenbullen und den Lagerpolizisten. Diese beiden letzteren hatten prinzipiell keinen Hunger zu leiden, im Gegenteil! Ich erinnere mich an einen, der regelmägig goldene Ringe gegen Brot und Zigaretten tauschte. Wenn dieser jemals das Lager damit verlassen haben und damit nach Hause gekommen sein sollte, dann mug et ein Vermögen nach Hause gebracht haben, das et sich auf die allerdreckigste Weise angeschafft hatte. Oder ruht das Gold heure noch verscharrt irgendwo im Boden des ehemaligen Lagers Rennes!?

Dem einfachen Gefangenen ging es oft verdammt dreckig. Wenn es ihm einmal gelungen war, aus dem Küchenlager etwas zu klauen und et erwischt wurde, setzte es drastische Strafen. So wurde einer, der einmal ein Stückchen Schokolade gestohlen hatte (und jeder fragte Sich, wo er die wohl geklaut haben mochte), mit einer ganzen Kiste, gefùllt mit dieser sonst doch süßen Kostbarkeit, in einem eigens hergerichteten offenen Käfig eingesperrt. Nichts gab es dazu außer Wasser. Die davon eintretende Verstopfung versetzte den Mann in solche Schmerzen, daß et versuchte, sich mit dem Finger den Kot aus dem After zu pulen. Der Diebstahl einer einzigen Scheibe Brot von einern Kameraden hätte sogar ein Todesurteil zum sofortigen Gelynchtwerden bedeutet.

Ein anderer Fall, von dem US-Lagerchef bestraft, betraf das unberechtigte Organisieren von Brennholz. Die Strafe bestand darin, daß der Mann mit Mantel, Mütze und Handschuhen, also dick vermummt, in der prallen Sonne, den ganzen Tag in "Stillgestanden", also unbeweglich bis zum Umfallen, das organisierte Holz vor sich halten mußte, bis zum Einbruch der Dunkelheit, dies natürlich auch ohne Essenempfang, und ohne die Notdurft verrichten zu können.

Die Hungersnot im gesamten Lager war schlimm. Selbst die Essensreste der US-Soldaten durften nicht verteilt, sondern mußten von den Soldaten verbrannt werden. Das Gesprächsthema im Lager war das Essen. Es bildeten sich Kreise, die Rezeptbücher verfaßten, darüber diskutierten und davon schwärmten, welches Gericht sie sich am ersten Tag in Freiheit als Festessen bereiten würden. Hier denke ich z.B. an einen

Gefangenen Kameraden namens Janssen aus Kleve (Buchdrucker oder Buchhändler?). Er hatte ein solches Rezeptbuch angelegt.

So ging der April 1945 ohne nennenswerte Ereignisse vorbei. Der Mai dagegen zeigt in meinemTagebuch sieben besondere Eintragungen. daß der 1. Mai den Tod H itlers vermerkt, kann allerdings von mir nur lm nachhinein verfaßt worden sein, demi so gut waren die Informationen in unserem Lager nicht, es sei denn, man kannte einen Kameraden, der das Glück hatte, bei einem amerikanischen Offizier zu arbeiten, und der dann schon mal die "Stars and Stripes" oder die amerikanische Soldatenzeitung mitbrachte. Auch der Vermerk unter dem 7. Mai über die Aufteilung Deutschlands kann nur lm nachhinein festgehalten worden sein.

Es war am 8. Mai, als uns auffiel, daß rundum in den Dörfern und in der nahen Stadt Rennes alle Glocken von den Kirchtürmen läuteten. Frankrelch feierte das Ende des Krieges. Auch mein Eintrag vom 9. Mai, mit dem zerbrochenen Stab (Sinnbild für ein gefàlltes Urteil) die "Waffenruhe" anzeigend, ist von mir mit Sicherheit nachträglich eingezeichnet worden.

Pfingstsonntag war der 20. Mai. Es gab nicht nur starken Regen, auch die Sonne kam durch.

Der interessanteste Eintrag dürfte am Dienstag den 22. Mai erfolgt sein. Es war im Lager schon früher eine Befragung durchgeführt worden, wer aus der Landwirtschaft, und wer aus dem Kohlebergbau komme. Nun war es der Tag, an welchem die ersten Gefangenen, welche sich zu diesen Berufen gemeldet hatten, in die Heimat entlassen wurden. Unter ihnen waren mein Kamerad und Freund Willi vom Hunsrück wie auch Hannes aus Brodenbach und Klotten aus Boppard.

Ich hatte aus einem Stück Karton zwei postkartengroße Stücke ausgeschnitten und diese nur mit meiner Anschrift versehen. Herr Hannes schleuste eine wirklich durch die Kontrollen (siehe Anhang 3-0), und so erfuhr meine Mutter bereits im Mai 1945, daß ich noch am leben war (109). Wie erwähnt' der 2. Bopparder, der meine Anschrift nach Hause schmuggelte, war der Bopparder Klotten (leider war et, noch vor meiner Heimkehr, in Boppard verstorben).

Die Tage bis zum Freitag, den 22. Juni brachten keine nennenswerten Ereignisse, doch sollte Samstag, der 23. für sieben Leute aus dem Verpflegungskommando einen niederschmetternden Befehl bringen. Daß das Lager 12 Rennes von den Amerikanern der französischen Armee übergeben werden sollte, war uns bekannt. Auch waren wir darüber informiert, daß das gesamte Verpflegungskommando mit den Amerikanern nach Deutschland, nach Hof in Franken, verlegt werden sollte. Doch die sieben Mann, und ich war einer von ihnen, standen nicht mehr auf der Transportliste. Man hatte unsere Namen ausgewechselt. An unserer Stelle standen die Namen von Stabsfeldwebel Georg Haas und sechs andere uns nicht bekannte, wahrscheinlich aber die von Haas' Freunden. Wir waren nicht nur erschüttert, wir heulten wie die Schloghunde, denn es war uns klar, daß ein baldiges Wiedersehen mit der Heimat nun nicht mehr möglich war. In meiner Angst und Verzweiflung begab ich mich zu Sergeant Woodbine und bat ihn unter Tränen, doch die Liste korrigieren zu lassen. Er, der selbst mit der Namensauflistung nichts zu tun hatte, versuchte zwar sein Bestes, mugte uns sießen aber dann sagen, daß et nichts mehr daran ändern könne. Haas ließ sich im übrigen bei den Zurückbleibenden nicht mehr sehen (meine jahrelangen Versuche, Haas ausfindig zu machen, waren leider erfolglos).

Zur Übernahme des Lagers waren schon französische Armeeangehörige im Lager und wurden in die Organisationen eingewiesen. Das letzte, was Woodbine für uns tun konnte, tat et. Er ging mit uns zu seinem französischen Nachfolger und stellte diesem die Bedingung, daß wir sieben weiter in der"Verpflegung" beschäffigt werden mügten (Woodbine wußte sehr wohl, daß der Verbleib im Verpflegungskommando Ptir uns junge Burschen lebenserhaltend war). Ihm wurde dies zugesagt, und so sah ich dann niedergeschlagen dern Abreisetag der Amerikaner am Montag, den 25. Juni entgegen.

Unser Gefangenenlager hatte unter der französischen Verwaltung die Bezeichnun 1102 und gehörte zurn Militärbereich 11.

Die Verladung fand innerhalb des Verpflegungsdepots statt, wo auf den Schienen nun die Waggons standen, die unsere anderen Kameraden der Freiheit näher bringen

sollten. Ich heulte Rotz und Wasser, und den anderen sechs ging es genauso, als sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Mein Freund Karl Dura aus Rheinberg war unter den Glücklichen. Er drückte mir die Hand, sprach mir gut zu, und der langsam anfahrende Zug trennte uns fût lange Zeit. Etwa 45 jahre sollte es dauern, bis wit uns in Boppard wiedersahen.

Was mir Hegesweiler viel später erzählte, war, daß ein deutsches Musik-Corps saint den Instrumenten aus Cage 1 mit in die Heimat verlegt wurde. Darunter sollten auch Axel von Wachtmeister, Tenor aus Saarbrücken und der Bass-Sänger Hermann Stamm aus Stuttgart gewesen sein. Auch die beiden Kanstmaler Oertl und Kastner sowie der Marinegeistliche Bernhard Knoche waren unter den Glacklichen.

Die Politik hatte es so gewollt, daß im juni über 740.000 deutsche Gefangene von den US-Streitkräften an Frankreich abgegeben wurden (110).

Nun erhielten wir auch eine neue Gefangenen-Nr. Sie lautete 548269. Noch blieb für uns der bekannte Alltag bestehen, und unserer Verzweiflung folgte nach der Niedergeschlagenheit die Resignation und das sich wieder Einfinden in das Unvermeidliche. Donnerstag der 28. juni war mein 20. Geburtstag, kein Tag zum feiern, warum auch! Auch der Monat Juli bleibt ohne Erwähnenswertes, wenn man davon absieht, daß es am Dienstag den 17. juli nachts zu einem Unwetter kam. Der Sturm war so stark, daß wir alle trotz Regens aus unseren Zelten herauskamen, uni an den Zeltstricken festhaltend das Davonfliegen der Zelte zu verhindern.

Der Monat August sollte aber durch einige besondere Ereignisse gekennzelchnet sein, besonders Montag, der 6.8. lm Lager kursierte die Neuigkeit von dem ersten Atombombenabwurf. Wo, wu9ten wir aber nicht. Und dann nahte der schicksalsschwere Tag, Samstag, der 11. August. Alle, die wir aus dem Lager 7 (Kaiserlager) waren, wurden zusammengerufen, und man effiffriete uns, daß wir ab sofort nicht mehr im Verpflegungsbereich arbeiten diirfren. Als Begründung wurde gesagt, die Beschwerde sei von dem deutschen Lagerchef eines anderen Cages gekommen, wîr würden dein Lager 7, also unserem eigenen Lager, mehr Brotlaibe zukommen lassen als den anderen. Tatsache war, daß wir generell zwei Brotlaibe mehr in alle Papiersäcke taten, als erlaubt war. Die Säcke so zu kennzeichnen, daß die mit mehr Laiben nur

an das Kaiser-Lager 7 gingen, war bei der großen Anzahl von Säcken, man bedenke, LE es sich immerhin um gut 50.000 oder mehr Gefangene handelte, gar nicht Möglich. Nach unserem Rausschmig wird die Anzahl der Brote sicherlich korrekter, also weniger für alle gewesen sein. Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, daß es ein deutscher Kamerad war, der uns in den Dreck gezogen hat.

Es sollte sich noch ein drittes Mal 1948 wiederholen! Dies ist nicht eine Erfahrung, die ich alleine machte. Hegesweiler erzählte mir, zurück in der Heimat, daß ein deutscher Stabsfeldwebel von ihm verlangt habe, ihm Wolldecken aus semen Lagerbeständen zu geben. Als et sich weigerte, dauerte es nicht lange, und et wurde seines Postens in Lager 1 enthoben und zurn Minensuchen nach Nantes (Loire) verlegt. Hier ist noch erwähnenswert, daß der Zusammenhalt unter den mit uns im leichen Lager einsitzenden Waffenbrüdern aus Rumänien bewundernswert war. Es waren zwar nicht sehr viele, doch sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Bei den Rumänen konnte man sagen:"Einer für alle, alle far einen". Hier ging wirklich jeder für jeden durchs Feuer.

Ich war also ab dern 11. 8. wieder auf Verhunger-Ration gesetzt (111). Ich erinnere nich, daß uns in dieser Zeit ungenie9bares Brot zugeteilt wurde. Die Laibe waren ,erdorben da sie durch und durch verschimmelt waren. Lieg man ein solches Brot nal hinfallen, so gab es eine Staubwolke in den Farben von tief schwarz bis zu allen ,egenbogenfarben. Doch der Hunger war so grog, daß man es sich nicht erlauben .onnte, das verdorbene Brot einfäch wegzuwerfen. Und so kamen wir auf die Idee, îe Laibe zu zerkrameln und mit Wasser angesetzt so lange zu kochen, bis eine dunkle, schäumende Brühe entstand. Dann wurde mit einem Löffel so lange der Schaum abgeschöpft, bis sich die Brühe ohne zu schäumen einzudicken begann. Und diese wurde dann aber noch korrekt aufgeteilt. Hungrig war man ja immer, und so wurde dieser dunkle Brei auch sofort heruntergeschlungen.

Da ich selbst ja noch ira Besitz des alten Lager "laisser passer's" war, schlug mir mein.ZeItgenosse und Freund Karl Möhl eine rettende Idee vor. Er besorgte gegen Zusage von z.B. 1 kg Brot und 1 Pfund Fett von anderen Kameraden ein paar alte Schuhe. Aber diese mugten nun verkaufsfihig und durch mich dann den mir noch bekannten

französischen Posten angeboten werden. Zuerst also galt es, aus alt NEU zu maken .Das geschah wie folgt: Die Überseeverpackung amerikanischer Waren, wie z.B fü C-Rations, bestand aus in Wachs getauchten Kartons. Von diesen kratzen wirbeide dann das Wachs ab und schmolzen dieses dann mit Ruß aus dem Ofenrohr vermischt zu einer schwarzen Paste. Zuerst wurde das Innere des schweißverkrusteten Schuhs mit einem Glassplitter solange geschabt, bis es wie Wildleder aussah. Wenn nun noch ein Nagel (deutsche Landser trugen j a "Genagelte") fehlte, so wurde auch einsolcher oder gar die fehlende Anzahl gegen Zusagen einer Gegenlieférung übernommen. Karls Aufgabe war es dann, in die gründlich gereinigte Schuhsohle die Nägel in die ja noch offenen Löcher einzusetzen. Als letztes foIgte das Zukitten des oft auch gerissenen Oberleders mit der schwarzen Wachspaste.

Poliert, in Papier verpackt, kam dann meine Aufgabe. Ich nahm die Ware in Emppfang und wechselte dank meines noch gültigen "laisser passer's" vom Lager 7 hin in den Bereich der mir bekannten Wachsoldaten, d.h. ich konnte mich sogar bis in die anderen Cages begeben. Dort begann dann das Handeln um den Preis, wobei streng darauf zu achten war, daß bei der Begutachtung der Schuhe der interessierte französische Soldat ja nicht den Schuh in die Hand nehmen oder gar mal biegen durfte, bevor ich nicht die Gegenware erhalten und mich abgesetzt hatte.

Dank einiger französischer Sprachkenntnisse gelang es mir aber immer, im Tausch soviel Lebensmittel mehr zu erhalten, dafl nicht nur unsere Verpflichtung den anderen Zuliefer-Kameraden gegenüber erfüllt werden konnte, sondern daß auch Karl und ich langsam. dazu kamen, uns eine Notration an getrocknetem Brot anzulegen und deshalb aber nicht mehr unbedingt auf die Hungerration des Lagers angewiesen waren.

Verbessert wurde unsere Lage zusätzlich durch eine erstmalig erfolgte Unterstützung durch das IRK (Internationale Rote Kreuz).

Am 18. und 19. August kamen zur Verteilung. Bahlsen Kekse, Marmelade, Leb-kuchen, Käse, Tabak und Zigaretten. Es war ein weihnachtsähnliches Ereignis für uns alle, selbst wenn die Mengen selbstredend bescheiden pro Kopf ausfielen.Während langer Monate und Jahre in den Gefangenenlagern galten neben dem Hunger bei den Gefangenen die als deprimierend und entmutigend von Zeit zu Zeit

immer wieder auftretenden ,"Fliisterparolen". D.h.: Es wurde von baldigen Entlassungen in die Heimat gemunkelt, von Verlegung in ein heimatnäheres Lager, von nahen IRK-Lagerbesichtigungen (112) mit der Hoffnung auf Lebensverbesserungen und mehr. Das Geriicht, das ab Mitte August im Lager Rennes von Zelt zu Zelt schlich, war, es sollte ein Transport von Gefangenen nach dem Siiden Frankreichs erfolgen. Dort sollte man im Weinbau, in Fischfabriken oder in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Es mugte etwas dran sein, es konnten doch keine Scheißhausparolen sein, denn was gab es als ein besseres Indiz Rit die Richtigkeit, als zu erfahren, daß sogar Mitglieder der Lagerpolizei oder gar der "Homme de confiance "(113) des Cage sich freiwillig fiir den Sadtransport gemeldet hätten!

So blieb es nicht aus, daß alle aus dem Zelt der ehemaligen Rationer sich beim Lagerchef (die Cage-Chefs waren durch die Bank immer Deutsche!) sich ebenfalls freiwillig zum Transport nach Südfrankreich meldeten und prompt auch dafür angenommen wurden. Der Transport sollte noch vor Ende August starten, und so besorgte ich mir schnell noch im Tauschverfahren einen gebrauchten 0T-Regenmantel, denn ich besaß ja seit meiner Gefangennahme keinen Mantel mehr Um nicht in Gefahr zu laufen, daß man mir beim nächsten Filzen denselben abnehmen wiirde, schrieb ich mir mittels Kartonschablone und Zahnpasta, diese als Farbe nutzend, in großen Buchstaben die Buchstaben,"PG" (Prisonnier de Guerre auf den Mantelrücken.

Montag der 27. August kam, der Tag, an welchem ich zwei jahre zuvor Soldat geworden war, und am Tage danach, dem 28., hieg es dann für mich und viele andere Kameraden, unsere Habseligkeiten zu packen und es ging wieder innerhalb des Lagers Rennes an das Verladen in einen Gäterzug mit offerien Waggons. Wohin würde man uns bringen? Was mochte uns wohl im Süden erwarten? Hoffhung hatten wir alle, daß es uns min besser ergehen würde.

Fest stand, daß der Zug nach Süden fuhr und wir kamen auch in einer Art Verladebahnhof an; die Schilder wiesen aus: Wir waren in Bordeaux. Langsagsamer und langsamer fuhr unser langer Zug

und auf die Këpfe der Gefangenen schaufelten. Damit niclit genug, fuhren die offenen Waggons dann noch unter einer Wasserfüllstation durch, natürlich unter voll aufgedrehtem Wasserschwall. Glücklicherweise hatte ich beim Steinbewurf nichts abbekommen, und mir den Mantel über den Kopf ziehend, blieb ich auch unter dem Wasserfall einigermagen trocken. Manchen meiner Kameraden erging es nicht so glimpflich. Von Kopfverletzungen bis zu totalem Durchnetwerden, von hämischen Rufen in der Nähe stehender franz;jsischer Bürger begleitet, ging es weiter. Doch auch das fand sein Ende und der Zug setzte sich mit zunehmender Geschwindigkeit in Bewegung, welter nach Süden.

Es dauerte aber noch bis spät in die Nacht am Mittwoch den 29. August, bis unser Zug am Ziel ankam. Der Ort hieß,"La Negresse"; die Waggontüren wurden geëffnet, und wir kletterten auf den Bahnsteig. Kurze, knappe Befehle: " allez vite", und die Marschkolonne bewegte sich in die Nacht hinein. Stunde um Stunde liefen wir dahin.Vom Hunger geschwächt ließ mancher unterwegs sein selbstgefertigtes Holzköfferchen oder anderes Gepäck am Straßenrand stehen und schleppte sich erleichtert weiter. jedes größere Anwesen, an welchem wir vorbeimarschierten, lieg in uns die Hoffhung keimen: ,"Vielleicht hier"? Roch es nicht sogar etwas nach Wein? Oder war es vielleicht doch eine große Farm? Vielleicht war es auch die Fabrik für Fischkonserven, von welcher man noch in Rennes gemunkelt hatte?

Schwankend und stolpernd gingen fàr uns die Stunden vorbei, bis wir endlich in einem großen Lager ankamen. Hier standen Baracken, und wir wurden wieder einmal eingeteilt.

Zu essen gab es wieder nichts, aber man war vorerst zufrieden, nach der nächtlichen Strapaze in einen Schlaf der Erschöpfung zu fallen. Wir sollten am nächsten Tag wissen, wo wir gelandet waren. Es war das Arbeitslager Bayonne-Beyris, auch als Arbeitslager POLO tituliert, nicht weit entfernt von der Stadt Bayonne am Fluß Adour.

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Ed: 27/04/2014